August Wilhelm Schlegel Gedichte - Der letzte Wunsch

August Wilhelm Schlegel
O ich weiß, beschränkt und nichtig
Ist des Menschen Sein und Thun;
Und wir schweifen in der Irre,
Und wir finden im Gewirre
Keine Stätt', um auszuruhn.

Traum nur bist auch du und Schatten,
Traum vom Schatten, süßes Weib!
Deine Leiden, deine Wonnen,
Wasserblasen gleich zerronnen,
Sind des Schicksals Zeitvertreib.

Aber sprich: sind unsre Herzen
Auch der Zeit, des Zufalls Spott?
Schwillt mein Busen nicht mit Beben
Mir von selbstgeschaffnem Leben?
Bin ich mir nicht selbst ein Gott?

Freilich wär's ein Spiel den Göttern,
Dieß, was allen Gram mir lohnt,
Was mich trotzen heißt den Wettern,
Mit dem Herzen zu zerschmettern,
Wo es stolz und muthig wohnt.

Doch so lang' es pocht, soll ringen
Nach dem Höchsten jeder Schlag.
Meinen heil'gen Kranz entblättern,
Meine Göttin mir entgöttern,
Welche Macht, die das vermag?

Sind dieß Wirbel rascher Flammen?
Taumel wilder Leidenschaft?
Nein, ich fühl' in diesem Streben
Inniges, geheimes Leben,
Seelenwürd' und Licht und Kraft.

Könnte je die Glut erlöschen,
Die auf deinem Altar flammt,
Göttin, o! so laß mich sterben,
Laß mich süßen Tod erwerben,
Eh' das Schicksal mich verdammt;

Mich verdammt zu ödem Leben,
Das dem Tode langsam weicht,
Freudenleer, in dumpfem Kummer,
Während sich des Grabes Schlummer
Kalt durch Mark und Nerven schleicht.

Laß vom Dasein mich genesen,
Sanftes Weib, an deiner Brust.
Wuth und Wonne wird mein Wesen
Auf im letzten Kuße lösen.
Ha! willkommen, Todeslust!

August Wilhelm Schlegel (deutscher Literaturhistoriker und Philosoph)

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