August Wilhelm Schlegel Gedichte - Der welke Kranz

August Wilhelm Schlegel
Es war noch Mai, da hast du sie gebrochen,
In Blumen ausgesprochen,
Selber Blüthe,
Was blühend im Gemüthe
Schon sich regte
Und heilig sich bewegte,
Was kindlich, ach! der Freund so gerne hegte,
Wenn sie ihr Herzchen legte
An das seine,
Wo ich nun ewig weine.

Die Veilchen sandte mir das Kind zum Zeichen,
Die so mein Herz erweichen,
Daß die Augen
Den Schmerz, den sie nun saugen,
Nie vollenden,
Sich oft noch zu ihr wenden,
Und finden welk den Kranz dann in den Händen,
Wie der, hat sie, zu enden
Früh erkoren,
Sich unbewußt verloren.

Nimm hin die hohe, köstlich liebe Gabe,
Das Einz'ge, was ich habe
Von der Theuern,
Ihr Bild mir zu erneuern,
Wenn in Thränen
Dem Tode zu das Sehnen
So gern entflieht des Daseins eitlem Wähnen.
Doch erst laß mich in Thränen
Ganz versenken
Das süße Angedenken!

Uns, die in Lust des Todes Leben fanden,
Kühn die Natur verstanden
In den Flammen,
Wo Lieb' und Schmerz zusammen
Uns verbunden,
Uns sei die Stirn umwunden
Vom Zeichen, dessen Sinn wir längst gefunden.
Denn blühten aus den Wunden
Oft nicht Rosen,
Uns schmerzlich liebzukosen?

Laß denn des Mädchens Schatten uns umschweben,
Der Wehmuth hingegeben,
Bis wir im Tode Eins noch inn'ger leben,
Und dann dieß tiefe Streben
Ganz vereinet,
Das lächelnd sich beweinet.

August Wilhelm Schlegel (deutscher Literaturhistoriker und Philosoph)

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