Joachim Ringelnatz Gedichte - Am Hängetau

Joachim Ringelnatz
Das Hängetau ist lang und steil.
Jedoch die Übung an dem Seil
Ist heilsam und veredelt.
Dieweil du kletterst, wächst das Tau
Dir hintenraus und wedelt
À la Wauwau.

Marie, die unten nach dir blickt,
Kommt mit der Quaste in Konflikt.

Ich wette um ein Faß Gelee:
Drei Meter über der Erden
Erfaßt dich plötzlich die Idee,
Du möchtest Seemann werden.

Der Kletterschluß mißlingt dir freilich.
Er klingt auch häßlich papageilich.
Schon dieserhalb und um so mehr
Schwankst du verzweifelt hin und her
Als atemloser Pendel.
Und jäh umgibt dich in der Luft
Ein unartikulierter Duft
Sehr abseits von Lawendel.

Und dann erreichst du ganz verzagt
Den Balken unter Pusten,
Und weil Marie von unten fragt,
Und weil die Stimme dir versagt,
So fängst du an zu husten.

Die Dame fragt, ob schwindelfrei
Und schüttelt die Manilla.
Du mimst voll Angst und Heuchelei
Den schwärmenden Gorilla.
Doch weil allmählich Zeit vergeht
Und nirgends eine Leiter steht,
Entschließt du dich voll Grausen
Und präsentierst dein Hinterteil
Und angelst lange nach dem Seil
Und läßt dich plötzlich sausen.

Du plumpst der Dame auf die Brust
Und tust, als tätst du das bewußt,
Und blähst dich wie ein Segel.
Und nickst ein heiteres Allheil!
Und lachst und fühlst dich doch derweil
Teils Burschenschaft, teils Flegel.

Kein Mädchen, nicht einmal die Braut,
Sieht gerne Hände ohne Haut.

Joachim Ringelnatz (deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler)

Lustig Mädchen Sport

Weitere Gedichte von Joachim Ringelnatz

Miliz Die Litfaßsäulen Der Mann der meine Schuhe putzt Brief auf Hotelpapier Die Schnupftabaksdose Die Lupe bietet sich an Nichts geschieht So gut wie schlecht Der Seriöse Fand meinen einen Handschuh wieder Bürger, den ich meine Von einem, dem alles danebenging Ein Pflasterstein, der war einmal Der Komiker Lustig quasselt Nie bist du ohne Nebendir Ein ehemaliger Matrose fliegt Liedchen Es lebe die Mode! Schnauz und Miez Angstgebet in Wohnungsnot Der Zahnfleischkranke Es war ein Stahlknopf irgendwo Ein Strolch sieht spielende Kinder Was dann? Dreiste Blicke Dickhäuter Von dem großen Elefanten Der Unfall Das scheue Wort Der Bücherfreund Draußen schneits Morgenwonne Die Kartenlegerin Der Athlet Das Geschwätz Der Sperling und das Känguru Aus dem Tagebuch eines Bettlers Aneinander vorbei Zwei Tannenwurzeln Pinguine Einsamer Spazierflug Ansprache eines Fremden Im Park Das Geseires einer Aftermieterin Die Ameisen Ein männlicher Briefmark erlebte Berlin Der Sänger Das Mädchen mit dem Muttermal Doch ihre Sterne kannst du nicht verschieben Ein ganzes Leben Aus Drei Tage Tirol Das Schlüsselloch Heimatlose Insel Hiddensee Weihnachten Fliegerleute Ein Stück Bierflasche Heimatlose Septembertag Essen ohne Dich Die Frau mit der Reiherfeder Die Feder Blues Babies Begrüßung eines soeben Gelandeten Nebel am Wattenmeer Vorfreude auf Weihnachten Eine Zuschauerin im Flughafen Flugzeuggedanken Ein Nagel saß in einem Stück Holz Ehrgeiz An meinen Lehrer Winter Der sächsische Dialekt Die Fliege im Flugzeug Das Nasobem Neuschnee Der letzte Tag vergangnen Jahrs Deutsche Sommernacht Arm Kräutchen Lebhafte Winterstraße Sommerfrische An der alten Elster Das Turngedicht am Pferd Auf dem Fliegenplaneten Schöne Fraun mit schönen Katzen Aus meiner Kinderzeit Genau besehn In der Neujahrsnacht Der Glückwunsch Abgesehen von der Profitlüge Entschuldigungsbrief Aus der Kundenkunde Freundschaft Ein Taschenkrebs und ein Känguruh Das Herz laviert nicht Enttäuschter Badegast Auf den eisbedeckten Scheiben Arm Kräutchen Die Flucht der Heiligen Familie Ich wollte Dir was dezidieren Ab Kopenhagen Einsiedlers Heiliger Abend Aus der Vogelkunde Der letzte Weg Aufgebung An die Masse An meinen Kaktus Am Hängetau An M. Am Barren An Alfred Schloßhauer An M. Frucht-Zucht-Frucht Freiübungen An einem Teiche Ferngruß von Bett zu Bett Großer Vogel Die Krähe Die Badewanne An meinen Zigarettenrauch An meine Herberge in Stuttgart Ach wie schön, dass Du geboren bist An ein startendes Flugzeug Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Datteldu Am Sachsenplatz - Die Nachtigall Brautnacht An Land Abermals in Zwickau August 1929 Abschied der Seeleute Abendgebet einer erkälteten Negerin Abschied von Renée