August Wilhelm Schlegel Gedichte - Die verfehlte Stunde

August Wilhelm Schlegel
Quälend ungestilltes Sehnen
Pocht mir in empörter Brust.
Liebe, die mir Seel' und Sinnen
Schmeichelnd wußte zu gewinnen,
Wiegt dein zauberisches Wähnen
Nur in Träume kurzer Lust,
Und erweckt zu Thränen?

Süß berauscht in Thränen
An des Lieben Brust mich lehnen,
Arm um Arm gestrickt,
Mund auf Mund gedrückt,
Das nur stillt mein Sehnen!

Ach, ich gab ihm keine Kunde,
Wußt' es selber nicht zuvor;
Und nun beb' ich so beklommen:
Wird der Traute, wird er kommen?
Still und günstig ist die Stunde,
Nirgends droht ein horchend Ohr
Dem geheimen Bunde.

Treu im sel'gen Bunde
An des Lieben Brust mich lehnen,
Arm um Arm gestrickt,
Mund auf Mund gedrückt,
Das nur stillt mein Sehnen.

Hör' ich leise Tritte rauschen,
Denk' ich: ah, da ist er schon!
Ahndung hat ihm wohl verkündet,
Daß die schöne Zeit sich findet,
Wonn' um Wonne frei zu tauschen. -
Doch sie ist schon halb entflohn
Bei vergebnem Lauschen.

Mit entzücktem Lauschen
An des Lieben Brust mich lehnen,
Arm um Arm gestrickt,
Mund auf Mund gedrückt,
Das nur stillt mein Sehnen.

Täuschen wird vielleicht mein Sehnen,
Hofft' ich, des Gesanges Lust.
Ungestümer Wünsche Glühen
Lindern sanfte Melodieen. -
Doch das Lied enthob mit Stöhnen
Tief erathmend sich der Brust,
Und erstarb in Thränen.

Süß berauscht in Thränen
An des Lieben Brust mich lehnen,
Arm um Arm gestrickt,
Mund auf Mund gedrückt,
Das nur stillt mein Sehnen.

August Wilhelm Schlegel (deutscher Literaturhistoriker und Philosoph)

Liebe Lust Qualen Sehnsucht Tränen