Theodor Fontane Gedichte - Seydlitz und der Bürgermeister von Ohlau

Theodor Fontane
In Ohlau der Bürgermeister der Stadt
Eine weiße Zippelmütze hat;
Gegenüber im Kommandantenhaus
Sieht Seydlitz morgens zum Fenster hinaus.

Und jeden Morgen, unentwegt,
Sich auch Zippelmütz' ins Fenster legt,
Und wenn der Seydlitz drüben schmaucht,
Auch Zippelmütze sein Pfeifchen raucht,
Und wenn der Seydlitz zum Räuspern ruckt,
Hat Zippelmütze schon ausgespuckt.

Das ärgert den Seydlitz. »Philistergesicht.
Affront dazu; das lieb' ich nicht.«
Und er nimmt Pistolen links von der Wand,
Zielt hinüber mit sichrer Hand,
Zielt und schießt auf dreißig Schritt,
Eine zweite Kugel und nun eine dritt',
Es spritzt der Kalk - der drüben heiter
Zieht seine Mütze, raucht aber weiter,
Und Seydlitz lacht: »Verfluchte Visage.
Aber der Kerl hat Courage.«

Das war im Frieden. Nun steht die Schlacht:
Seydlitz wartet und Seydlitz wacht,
An strahlt ihn der Ruhm, er steigt zu Pferde,
Hundert Schwadronen, es donnert die Erde;
Gestern in Ohlau im Fenster liegen,
Heute bei Zorndorf siegen, siegen -
Wie kam der Wandel! Fragt nicht wie .
Klein im Kleinen, im Großen Genie.

Theodor Fontane (deutscher Schriftsteller)

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