Richard Zoozmann Gedichte - Der Wind

Richard Zoozmann
Wind, Wind,
Wo kommst du her?

Weit übers Meer
Fuhr ich geschwind!
Habe die Wellen
Gepeitscht und geschlagen,
Machte Zerschellen
Die Schiffe
Am Riffe —
Keinen Mast mehr sieht man dort ragen!

Wind, Wind,
Wo kommst du her?

Übers Gebirge
Saust' ich mit Macht,
Hab' die Lawine ins Rollen gebracht.
Wald und Saaten
Hat sie geknickt,
Hirt und Herden
Zermalmt und zerdrückt.
Des Älplers Dorf
Liegt tief unterm Schnee,
Kein Dach, kein Türmchen
Ragt mehr zur Höh'! —
Dann hab' ich sacht
In selbiger Nacht
Ein glimmendes Fünkchen
Zum Lodern gebracht,
Ein Flammenmeer
Durch die Gassen gefegt,
Eine halbe Stadt in Asche gelegt!

Wind, Wind,
Was tatest du dann?

Habe über den grünen Rasen
Einer lachenden Wiese geblasen;
Habe lind die Blüten gewiegt,
Die der gaukelnde Falter umfliegt;
Habe dem Bächlein sanft gesäuselt,
Habe den Birken die Kronen gekräuselt.
Hab' um ein Kind,
Das drunter schlief,
Leis und lind
Die Flügel geschwungen
Und es gesungen
In Schlummer tief.

Wind, Wind,
Was tatest du dann?

Hab' die Wolken am Himmel gejagt,
Bis die Sonne golden getagt;
Hab' der ganzen Welt gelacht
And mit Brausen den Frühling gebracht!

Wind, Wind,
Wohin nun geschwind?

Schwing' mich nun auf zu des Himmels Bezirken,
Neue Arbeit mir auszuwirken!
Ich kann brausen
Der Welt zum Grausen,

Und kann weich wie ein Atem wehn!
Aber nun frag' nicht mehr,
Denn ich sag' nicht mehr —
Schweig' und laß mich gehn!

Wind, Wind,
Gottes und Dämons Kind,
Wenn deine Hand
Fluch und Segen umspannt:
Gnädig, nur mit sanftem Gebrause,
Geh' vorüber meinem Hause!

Richard Zoozmann (deutscher Autor und Redakteur)

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