Adele Schopenhauer Gedichte - Wenn ich in Karlsbad am Morgen

Adele Schopenhauer
Wenn ich in Karlsbad am Morgen
im Brunnengewühl mich umhertrieb,
fielen mir immer diese Worte ein.
Abend kam ihnen mit einem Male ein Schluß,
und endlich schrieb ich sie nieder.

Fremde Gesichter, fremderer Blick
Scheucht mich oft schreckend in mich zurück.
Find' ich im Herzen bekannte Gestalt,
Treibt mich's zu suchen mit alter Gewalt.
Liebe und Sehnen im wechselnden Spiel
Zeigen verlockend von ferne das Ziel.

Und nun glaub' ich sie zu hören
Die geliebten leisen Töne -
In dem Klagelaut der Föhren
Flüstern sie! - und jene schöne
Stille Heiterkeit der Seele,
Wie nur er sie konnte geben,

Sie durchschimmert all mein Leben,
Löset alle Schuld und Fehle,
Nimmt die Last mir leis vom Herzen,
Sänftigt alle wilden Schmerzen.
Und ein Abendsonnenblick
Bringt mein Morgenroth zurück.

Ist mir nicht, als wär's errungen?
Ist es nicht, als wär's erreicht?
Ist ein Zauberwort erklungen,
Hat mein Flehen Euch erweicht?
Hat mir Gott zurückgegeben
Meiner ersten Liebe Glück?
Steht am Wendepunkt mein Leben?
Führt mich dieser Pfad zurück?

Ach! der Menschen fremde Menge
Gab nur tief'res Sehnen mir!
Und entfliehend dem Gedränge
Flüchtet' ich, Natur, zu dir!
Was mir Niemand konnte geben,
Gab die teure Mutter mir;
Und ihr reiches, volles Leben
Ward zum treuen Bild von Dir.

Adele Schopenhauer (deutsche Schriftstellerin)

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