August Wilhelm Schlegel Gedichte - Nikon und Heliodora

August Wilhelm Schlegel
Idylle

Der Abend senkt sich kühlend auf die Fluren,
Des Tags Getümmel schwindet in die Ferne,
Die ganze Schaar ermüdeter Naturen
Vernimmt den leisen Wink zum Ruhen gerne.
Nur, wie der wachsame Pilot Arkturen,
So folgt der Liebende dem Abendsterne,
Der ihn, als strahlte durch die Nacht Aurora,
Entgegen führet seiner Heliodora.

Entgegen führet seiner Heliodora
Den trauten Nikon Hoffnung und Verlangen.
Sie naht sich ihm, erröthend wie Aurora,
Vom Thaue banger Scham beperlt die Wangen.
Es schließt sich nickend jedes Kind der Flora,
Doch duftender und voller aufgegangen
Entfaltet ihren Kelch der Liebe Blume,
Du stille Nacht, in deinem Heiligthume.


Nikon

Du stille Nacht, in deinem Heiligthume
Find' ich Erhörung meiner kühnsten Bitte;
Sie wagt für mich, und achtet sich zum Ruhme
Der Zärtlichkeit zu lieb verletzte Sitte.
Im Blumenschmuck, sie selber eine Blume,
Kommt sie, es rauschen im Gebüsch die Tritte.
Ich flieg' in deine Nähe, Holde! Süße!
Daß ich mit Liebeshauch dich warm begrüße.


Heliodora

Daß ich mit Liebeshauch dich warm begrüße,
Konnt' ich dem Herzen, Thörichte, nicht wehren;
Mich lockte mehr als des Verlangens Süße
Des Weibes Wonne, zärtlich zu gewähren.
Doch wenn ich bitter mein Vertrauen büße,
Wenn deine Schwür' in Märchen sich verkehren: -
Eh meine Rosen welkend sich entfärben,
Mög' ich hier vor des Himmels Antlitz sterben!


Nikon

Mög' ich hier vor des Himmels Antlitz sterben, -
Nein, Tod in deinem Arm wär' Wonn' und Leben, -
Verbannt von dir erschleiche mich Verderben,
Bin ich dir nicht mit reinster Treu ergeben!
Sei ruhig, theure Freundin, laß die herben
Bekümmerniße mit dem Wind entschweben.
Vergeßenheit von allem Harm umspielet
Die Brust, die ganz den Liebsten in sich fühlet.


Heliodora

Die Brust, die ganz den Liebsten in sich fühlet,
Hebt freier sich von enger Furcht entladen.
Wie wenn ein Zephyr ihr Gewand durchwühlet,
Wird sie, sich zu enthüllen, eingeladen;
Der Strom der Lust, der alle Sehnsucht kühlet,
Lockt sie, in seinen Wellen sich zu baden:
Der ganze Himmel senkt darein sich nieder,
Es strahlen freundlicher die Sterne wieder.


Nikon

Es strahlen freundlicher die Sterne wieder
Aus deinem Augenstern, im milden Schatten.
Mich schlägt bei Tag die hohe Schönheit nieder,
Vor ihrem Prangen muß der Blick ermatten,
Doch jetzt, da die gesenkten Augenlider
Der Nacht mit Dämmerung die Helle gatten,
Schau ich, und fürchte nicht, daß ich erblinde:
Entnommen ist der Liebe ihre Binde.


Heliodora

Entnommen ist der Liebe ihre Binde,
Daß sie ihr Bild rings um sich kann erblicken.
Wie leise Seufzer säuseln nun die Winde,
Die Blumen duften ahnungsvoll Entzücken,
Die Quellen flüstern, und es scheinen linde
Die Büsche sich den Büschen anzudrücken,
Und buhlerischer durch die Schatten wallen
Die Brautgesänge süßer Nachtigallen.


Nikon

Die Brautgesänge süßer Nachtigallen
Hör' ich in liebevollem Streit erklingen;
Der Thau begegnet und vermählt im Fallen
Mit Düften sich, die in die Lüfte dringen.
Wie wechselnd einig unsre Stimmen schallen,
So laß auch Lippe mit der Lippe ringen:
Der Seele näher, an des Odems Pforte,
Versprechen sich unausgesprochne Worte. -

Besprechen sich unausgesprochne Worte,
So muß verstummen des Gesanges Lallen;
Er führt die Liebenden nur bis zur Pforte
Des Tempels, wo die sel'gen Opfer fallen,
Bis sie aus ihrer Freuden stillen Porte
Verklärt hervor und neugeboren wallen.
Erröthend fand und lächelnd noch Aurora
Nikon am Busen seiner Heliodora.

August Wilhelm Schlegel (deutscher Literaturhistoriker und Philosoph)

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