Joachim Ringelnatz Gedichte - Der Seriöse

Joachim Ringelnatz
Wo ich abends Weißwürste fresse,
Da sitzt oft drei Tische weit
Vor mir ein Herr von Noblesse,
Sehr groß, sehr ernst und sehr breit.

Sein Haar und Bart, seine Kleidung
Sind einwandfrei und gepflegt,
Wie er unter steter Vermeidung
Sich einwandfrei sicher bewegt.

Wie ihn die Kellner bedienen,
Ist er ein Fürst oder reich.
Doch bleibt das Spiel seiner Mienen
Jederzeit würdig und gleich.

Wenn diese würdig seriöse
Erscheinung vorübergeht,
Dann ist mir, als ob mein Gekröse
In Hirn und Leib sich verdreht.

Denn, wenn er mit seinen Blicken
Mich streifte – das fühle ich klar –,
Ich würde zusammenknicken
Und nimmer sein, was ich war.

Doch ohne seitwärts zu schauen,
Schreitet er durchs Lokal.
Seine gerunzelten Brauen –
Wie alles an ihm – sind aus Stahl.

Und seine Schritte lenken
Sich dahin, wohin man nicht sieht.
Ich wage nicht auszudenken,
Was er dort etwa vollzieht.

Ach, ich bin klein, ich bin böse.
Mein Herz ist auch nicht ganz rein.
Ach dürfte ich solche seriöse
Persönlichkeit einmal sein!

Joachim Ringelnatz (deutscher Schriftsteller, Kabarettist und Maler)

Essen Gesellschaft Lustig Meinung

Weitere Gedichte von Joachim Ringelnatz

Miliz So gut wie schlecht Nichts geschieht Von einem, dem alles danebenging Lustig quasselt Schöne Fraun mit schönen Katzen Nie bist du ohne Nebendir Zwei Tannenwurzeln Schnauz und Miez Morgenwonne Im Park Heimatlose Fand meinen einen Handschuh wieder Liedchen Der Sperling und das Känguru Der Seriöse Die Litfaßsäulen Die Schnupftabaksdose Der Mann der meine Schuhe putzt Insel Hiddensee Es lebe die Mode! Angstgebet in Wohnungsnot Brief auf Hotelpapier Nebel am Wattenmeer Von dem großen Elefanten Ein Pflasterstein, der war einmal Ein Stück Bierflasche Die Lupe bietet sich an Bürger, den ich meine Der Komiker Was dann? Heimatlose Winter Es war ein Stahlknopf irgendwo Draußen schneits Ein ehemaliger Matrose fliegt Dickhäuter Pinguine Ein Strolch sieht spielende Kinder Dreiste Blicke Fliegerleute Der Unfall Der Zahnfleischkranke Ein männlicher Briefmark erlebte Das scheue Wort Der Athlet Die Kartenlegerin Der Bücherfreund Das Mädchen mit dem Muttermal Aneinander vorbei Das Geschwätz Aus dem Tagebuch eines Bettlers Ein ganzes Leben Die Ameisen Septembertag Begrüßung eines soeben Gelandeten Essen ohne Dich Das Geseires einer Aftermieterin Einsamer Spazierflug Neuschnee Berlin Weihnachten Flugzeuggedanken Der Sänger Eine Zuschauerin im Flughafen Ansprache eines Fremden Doch ihre Sterne kannst du nicht verschieben Ein Nagel saß in einem Stück Holz Das Schlüsselloch Die Feder Aus Drei Tage Tirol Die Fliege im Flugzeug Vorfreude auf Weihnachten Ehrgeiz Arm Kräutchen Das Nasobem Die Frau mit der Reiherfeder Auf dem Fliegenplaneten Blues Genau besehn Aus meiner Kinderzeit Babies Lebhafte Winterstraße Der letzte Tag vergangnen Jahrs Deutsche Sommernacht An meinen Lehrer Großer Vogel Das Turngedicht am Pferd Enttäuschter Badegast Die Badewanne Sommerfrische Der sächsische Dialekt Ein Taschenkrebs und ein Känguruh Auf den eisbedeckten Scheiben An der alten Elster Die Krähe In der Neujahrsnacht Der Glückwunsch Aus der Kundenkunde Abgesehen von der Profitlüge Ab Kopenhagen Arm Kräutchen Aus der Vogelkunde Die Flucht der Heiligen Familie Entschuldigungsbrief Freundschaft Einsiedlers Heiliger Abend Ich wollte Dir was dezidieren Das Herz laviert nicht An M. An meinen Kaktus An die Masse Die Weihnachtsfeier des Seemanns Kuttel Datteldu Am Hängetau Frucht-Zucht-Frucht Ferngruß von Bett zu Bett An ein startendes Flugzeug Am Barren An M. Der letzte Weg Freiübungen Aufgebung Am Sachsenplatz - Die Nachtigall An einem Teiche An Alfred Schloßhauer Ach wie schön, dass Du geboren bist Abendgebet einer erkälteten Negerin August 1929 An Land Abermals in Zwickau An meinen Zigarettenrauch An meine Herberge in Stuttgart Brautnacht Abschied der Seeleute Abschied von Renée